Samstag, 18. Mai 2013

Ein Taschentuch im Wert eines Autos...

...so jedenfalls könnte man den Vergleich ziehen.

In der Region, in der ich wohne, waren bis vor etwa 100 Jahren viele Haushalte in der Stickereiindustrie tätig.  
St. Gallen war Hochburg der Stickereien, der 1. Weltkrieg läutete allerdings der Niedergang dieser Branche ein.

Im Kanton Appenzell Innerrhoden konnte sich aber bis in die 1950er Jahre die Nische der Handstickerei halten. 1920 war jede zweite Frau im Kanton in Heimarbeit mit Sticken beschäftigt.

 
Taschentücher waren ein wichtiger Exportartikel. Eine Stickerin verdiente 1920 pro Stunde je nach Art der Stickerei zwischen 30 bis 150 Rappen. Für einen Preis von Fr. 250.- bis Fr. 500.- wurden die guten Stücke exportiert, wobei dann der Detailhandel nochmals 300 Prozent aufschlug. Wir liegen also für ein Taschentuch wie auf den Fotos zu sehen bei einem Preis von Fr. 750.- bis Fr. 1500.-. Wohlgemerkt: Dieser Preis galt 1920!!!
In die heutige Zeit umgerechnet, könnte man für das gleiche Geld ohne Probleme ein Auto kaufen...
Klar, das sich auch damals nur die allerreichsten ein solches Taschentuch leisten konnten. War es doch zu dieser Zeit ein Statussymbol, an dem sich herauslesen liess, wie reich der oder die Besitzerin des Stückes war.
 
Die Taschentücher sind so fein gearbeitet, dass sich die einzelnen Stiche fast nicht erkennen lassen. Auf dem oberen Bild seht ihr Detailausschnitte. Unten zwei ganz abgebildete, sie sind etwa 30 x 30 cm gross.
 
 
Wer ab und zu stickt kann sich vorstellen, wie viele Stunden in einem solchen Stück stecken...
 
Die Handstickerinnen fertigten aber nicht nur Taschentücher, sondern auch seidene Blusen...
 
 
...und seidene Bettjäckchen.
 
 
Auch bei diesen Stücken ist jeder einzelne Stich von Hand ausgeführt!!!
 
 
Männer an den Herd!
Jawoll, das hiess es schon 1920. Das in einem Kanton, in dem es wohl bis heute kein Frauenstimmrecht gäbe, wenn es ihm 1990 nicht vom Bund aufgezwungen worden wäre.
Die Frauen verdienten mit ihren Stickarbeiten im Nebenerwerb oft besser als die Männer im landwirtschaftlichen Haupterwerb. So hatten oft die Männer für Haushalt und Kindererziehung zu sorgen. Oft genug kamen sie allerdings diesen Pflichten nur ungenügend nach und an den Frauen blieb die Mehrfachbelastung hängen. Dies hatte zur Folge, das die meisten von ihnen mit 35 bis 40 Jahren alte Frauen waren. Abgearbeitet, verwelkt und durch die vielen Stunden am Stickrahmen bei schlechtem Licht praktisch blind.
Für viele Frauen bedeutete dies Invalidität, eine Rente stand ihnen trotzdem nicht zu.
 
 
 
Tja, die Textilbranche ist heute nicht besser. Die Ausbeutung hat sich ins Ausland verlagert. Kinderarbeit war während der Stickereiblüte normal, so ist das heute noch immer in den Niedriglohnländern. Versucht doch daran zu denken, wenn ihr das nächste Mal in einer Billigkette etwas neues zum Anziehen kauft...
 
Ich jedenfalls hüte die Taschentücher und Blusen sorgfältig und bin stolz darauf, diese Schätze besitzen zu dürfen.
 
Euch allen ein schönes Pfingstwochenende!
 
Herzliche Grüsse
Sandra
 
 
 
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